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Das Red Dot: Design Team of the Year 2017 im Interview: Innovationen der Fahrradbranche, Design-Prozesse und Besonderheiten des Canyon-Designs

Das Canyon Design Team ist Red Dot: Design Team of the Year 2017. Erstmals in der Geschichte des Red Dot Award: Product Design gingen der Ehrentitel und der Wanderpokal „Radius” an ein Designteam aus der Fahrradindustrie. Die Gestalter, unter der Leitung von Lars Wagner und Peter Kettenring, wurden für ihre kontinuierlich hohen Designleistungen ausgezeichnet. Aber was macht das Design der Fahrräder so besonders und wie arbeiten die Gestalter eigentlich? Red Dot sprach mit Lars Wagner, Senior Industrial Designer Road Bikes, und mit Peter Kettenring, Senior Industrial Designer Mountain Bikes.

Herr Kettenring, Herr Wagner: Fahrrad fahren – Was bedeutet das eigentlich?
P. Kettenring: Roman Arnold, der Gründer und CEO von Canyon, hat einmal gesagt: „Als ich Rad fahren lernte, hatte ich erstmals das Gefühl großer Freiheit.“ Im Prinzip dreht es sich darum, sich selbst zu bewegen, selbst voranzukommen.

Lässt sich das Rad neu erfinden?
P. Kettenring: Das Rad vielleicht nicht, das Fahrrad schon. Im Fahrraddesign hat sich viel geändert, und es wird sich noch vieles ändern.
L. Wagner: Interessanterweise ist das Fahrrad viel älter als das Automobil. Der klassische Gedanke des Industriedesigns ist aber relativ spät in der Fahrradindustrie angekommen. Das Fahrraddesign ist eine noch relativ junge Disziplin. Wir sind also noch nicht an einem Punkt angekommen, der keine Innovationen mehr zulässt. Die Entwicklung geht immer weiter.
P. Kettenring: Für das Mountainbike „Strive“ haben wir beispielsweise eine Shapeshifter-Funktion entwickelt. Das Rad sieht aus wie ein traditionelles Mountainbike, erlaubt dem Fahrer aber, ganz einfach per Knopfdruck zwischen zwei unterschiedlichen Geometrien zu wählen und das Rad während der Fahrt auf unterschiedliche Geländesituationen abzustimmen: bergauf und bergab. Man hat im Prinzip zwei Räder in einem.

Wie lässt sich der Design-Prozess bei Canyon beschreiben?
P. Kettenring: Wir beginnen mit einer groben Skizze. Dann wird ein 3D-Druck aufgebaut. Anschließend besteht die Möglichkeit, im Bildbearbeitungsprogramm Verläufe zu ändern. Von da aus geht der Entwurf dann wieder ins CAD-System.
L. Wagner: Der 3D-Druck dient uns dann zur Überprüfung des Designs. Wir haben keinen klassischen Modellbau, sondern drucken kleinere Maßstabsmodelle und Bauteile bei uns im Haus. In der Technikwerkstatt werden dann die Teile zu einem Ganzen zusammengefügt. Wir arbeiten ja mit ganz unterschiedlichen Komponenten. Und die müssen alle passen. Da wir als Designer auch die finalen Formen gestalten und der Ingenieur die Schnittstellen zu den anderen Anbauteilen übernimmt, wissen wir sehr genau, wie das Fahrrad am Ende aussehen muss und wird.
P. Kettenring: Auch das Thema „Artwork“ ist nach wie vor sehr wichtig, da Schrift, Grafik und Farbgebung sehr eng mit der Formgebung verbunden sind. Die Linienführung und die Kanten der Rahmen werden aufgegriffen und durch das Artwork verstärkt, sodass sie nicht durch den Lackiervorgang verschwinden. Es werden aber niemals Effekte erzeugt, die formal nicht da sind. Wenn dann irgendwann das fertige Fahrrad in unser Büro rollt, ist es schon ein alter Bekannter.
L. Wagner: Ja, man kennt sich. Man hat sich schonmal gesehen.

Das Canyon-Design umfasst aber noch mehr.
L. Wagner: Je nach Fahrradtyp geht es um unterschiedliche Anforderungen mit Blick auf Aerodynamik, Gewicht, Steifigkeit und Komfort. Diese Gegensätze zu einem harmonischen Ganzen zu verbinden, macht unsere Arbeit aus und bringt die Spannung.
P. Kettenring: Gleichzeitig gelingt es Canyon wie kaum einem anderen Hersteller, die unterschiedlichen Fahrräder unter einer Design- und Markensprache zu verbinden. Jede Linie, jedes Detail, jede Form soll Einfachheit und Präzision vermitteln.

Die Gestaltung der Einfachheit kann aber durchaus komplex sein.
L. Wagner: Natürlich versuchen wir immer, die Fahrräder zu vereinfachen. Der Rahmen ist die Struktur, die verschiedene Elemente und Teile an Ort und Stelle hält. Das führt automatisch zu einer gewissen Komplexität, weil bestimmte Verbindungen hergestellt werden müssen. Wir versuchen, diese Komplexität zu reduzieren.
P. Kettenring: Die beste Vereinfachung ist die, die nicht nur eine gestalterische Reduktion, sondern auch eine verbesserte Funktion erzielt. Das ist Herausforderung und Schwierigkeit zugleich. Man nimmt nicht nur etwas weg, sondern schafft auch noch eine Verbesserung.

Das ganze Interview mit den beiden Designern befindet sich im Red Dot Design Yearbook 2017/2018. Mit der selbst kreierten Sonderausstellung „Design that talks“ präsentiert Canyon seine Designleistungen noch bis zum 27. August im Red Dot Design Museum Essen.